Das italienische Weingesetz
Philipp Strebel Kommentare 0 Kommentare
DOC, DOCG oder IGT – was steht eigentlich auf einer italienischen Weinflasche?
DOC, DOCG, IGT, DOP, IGP …
Wer vor einem italienischen Weinregal steht, könnte meinen, man brauche zuerst einen kleinen Sprachkurs.
Dabei ist das System gar nicht so kompliziert, wenn man einmal verstanden hat, was hinter den Abkürzungen steckt.
Und vor allem gibt es eine Frage, die uns besonders wichtig ist:
Ist ein DOCG-Wein automatisch besser als ein DOC? Und ist ein IGT-Wein weniger hochwertig?
Die kurze Antwort lautet: Nein.
Die etwas längere – und viel interessantere – Antwort finden Sie hier.
Zuerst das Wichtigste: Es geht um Herkunft
Die italienischen Weinbezeichnungen werden häufig als Qualitätspyramide dargestellt.
Das ist praktisch, aber etwas irreführend.
Denn DOC, DOCG und IGT sagen zunächst einmal viel über Herkunft und Produktionsregeln eines Weines aus. Sie sind kein Punktesystem für seinen Geschmack.
Ein Wein kann also alle Regeln einer renommierten Herkunftsbezeichnung erfüllen und Ihnen trotzdem nicht schmecken.
Und ein hervorragender Winzer kann bewusst einen Wein erzeugen, der nicht in das Regelwerk einer bestimmten DOC passt.
Deshalb gilt:
Die Bezeichnung auf dem Etikett hilft uns zu verstehen, woher ein Wein kommt und nach welchen Regeln er produziert wurde. Ob er uns schmeckt, entscheidet am Ende das Glas.
DOP und IGP – das europäische System
Beginnen wir mit zwei Abkürzungen, die man inzwischen auch auf vielen anderen Lebensmitteln findet.
DOP – Denominazione di Origine Protetta
Auf Deutsch: geschützte Ursprungsbezeichnung.
Bei Wein steht DOP für eine besonders enge Verbindung zwischen Produkt und Herkunft.
Für die geschützte Bezeichnung gelten genaue Vorgaben. Dazu können beispielsweise das Produktionsgebiet, zugelassene Rebsorten, Erträge, Weinbereitung und Eigenschaften des fertigen Weines gehören.
In Italien finden sich innerhalb dieser Kategorie zwei vertraute traditionelle Bezeichnungen:
DOC und DOCG.
IGP – Indicazione Geografica Protetta
Auf Deutsch: geschützte geografische Angabe.
Auch hier besteht eine klare Verbindung zwischen Wein und geografischer Herkunft. Das Regelwerk lässt dem Produzenten jedoch je nach Bezeichnung mehr Spielraum.
Die traditionelle italienische Bezeichnung, die Ihnen auf der Flasche begegnen kann, lautet:
IGT – Indicazione Geografica Tipica.
Damit haben wir bereits die wichtigste Struktur:
DOP → DOC und DOCG
IGP → IGT
So kompliziert ist der erste Schritt also gar nicht.
Was bedeutet DOC?
DOC steht für:
Denominazione di Origine Controllata
also sinngemäss für eine kontrollierte Ursprungsbezeichnung.
Eine DOC ist an ein bestimmtes geografisches Gebiet und ein festgelegtes Produktionsreglement gebunden.
Dieses Regelwerk nennt man in Italien Disciplinare di produzione.
Darin wird festgelegt, was ein Wein erfüllen muss, wenn er den geschützten Namen auf dem Etikett tragen möchte.
Je nach DOC kann das beispielsweise betreffen:
- das geografische Produktionsgebiet
- zugelassene Rebsorten und deren Anteile
- Höchsterträge im Weinberg
- Mindestalkoholgehalte
- Produktionsmethoden
- Reifung oder Lagerung
- Eigenschaften des fertigen Weines
Die konkrete Ausgestaltung ist von Herkunftsbezeichnung zu Herkunftsbezeichnung unterschiedlich.
Und genau deshalb lohnt es sich, bei sardischen Weinen nicht nur auf die Rebsorte, sondern auch auf die Herkunft zu schauen.
🏅 Und was ist DOCG?
DOCG steht für:
Denominazione di Origine Controllata e Garantita
Das zusätzliche G steht also für Garantita.
DOCG ist eine traditionelle italienische Bezeichnung innerhalb der geschützten Ursprungsbezeichnungen.
Die Vorgaben und Kontrollen sind besonders streng.
Aber hier kommt der entscheidende Punkt:
DOCG bedeutet nicht automatisch „schmeckt besser“.
Geschmack lässt sich nicht per Gesetz garantieren.
Die Bezeichnung garantiert vielmehr die Einhaltung des für diese Herkunft geltenden Regelwerks und Kontrollsystems.
Ein DOCG-Wein kann grossartig sein.
Ein DOC-Wein ebenfalls.
Und genauso kann ein IGT-Wein zu den spannendsten Weinen eines Produzenten gehören.
🌿 IGT – mehr Freiheit für den Winzer
IGT bedeutet:
Indicazione Geografica Tipica
IGT gehört zur europäischen Kategorie IGP.
Auch hier ist die geografische Herkunft geschützt. Im Vergleich zu vielen DOC- oder DOCG-Regelwerken kann eine IGT einem Produzenten jedoch mehr Freiheit bieten.
Das kann beispielsweise interessant sein, wenn ein Winzer Rebsorten kombinieren oder einen Wein in einem Stil erzeugen möchte, der nicht in das engere Regelwerk einer bestimmten DOC passt.
Und genau deshalb ist ein wichtiger Gedanke:
IGT bedeutet nicht automatisch einfacher oder schlechter.
Manchmal steckt dahinter schlicht die bewusste Entscheidung eines Produzenten, einen anderen Weg zu gehen.
🍇 Ein Beispiel macht es einfacher: Vermentino auf Sardinien
Nehmen wir eine Rebsorte, die für Sardinien und auch für uns bei Sa Contissa eine besondere Bedeutung hat:
Vermentino.
Auf Sardinien begegnet Ihnen beispielsweise:
Vermentino di Sardegna DOC
und
Vermentino di Gallura DOCG.
Beide haben Vermentino im Namen.
Trotzdem handelt es sich nicht einfach um zwei Qualitätsstufen desselben Weines.
Es sind unterschiedliche geschützte Herkunftsbezeichnungen mit eigenen geografischen Gebieten und eigenen Produktionsregeln.
Gerade dieses Beispiel zeigt schön, warum man DOC und DOCG nicht einfach mit „gut“ und „noch besser“ übersetzen sollte.
Die interessantere Frage lautet:
Woher kommt der Wein, wie wurde er gemacht – und welchen Stil wollte der Produzent erzeugen?
🗺️ Sardinien und seine geschützten Weinherkünfte
Wer Sardinien über Wein bereist, begegnet einer ganzen Reihe geschützter Bezeichnungen.
Einige Namen verraten sofort, welche Rebsorte oder Region im Mittelpunkt steht.
Zum Beispiel:
Cannonau di Sardegna DOC
Einer der bekanntesten Rotweinnamen der Insel.
Vermentino di Sardegna DOC
Vermentino aus dem dafür definierten sardischen Herkunftsgebiet.
Vermentino di Gallura DOCG
Eng mit der Gallura im Norden Sardiniens verbunden.
Carignano del Sulcis DOC
Carignano aus dem Südwesten der Insel.
Vernaccia di Oristano DOC
Eine der charakteristischsten Weintraditionen unserer Region.
Monica di Sardegna DOC
Eine weitere traditionelle rote Rebsorte der Insel.
Schon an diesen Namen erkennt man etwas Schönes:
Wein ist auf Sardinien immer auch Geografie.
Eine Flasche erzählt nicht nur von einer Traube, sondern von einem Ort.
Ein Beispiel aus der Toscana, Chianti Classico, aus der ursprünglichen Kernzone des Chianti, welcher länger als vorgeschrieben ausgebaut wurde und somit ein Riserva ist.
Was ist eigentlich ein „Disciplinare“?
Wenn Sie tiefer in die Welt des italienischen Weins eintauchen, werden Sie früher oder später auf dieses Wort stossen.
Ein Disciplinare di produzione ist vereinfacht gesagt das Regelwerk einer geschützten Weinbezeichnung.
Darin wird definiert, unter welchen Voraussetzungen ein Wein die jeweilige Bezeichnung tragen darf.
Man könnte es sich ein wenig wie die Spielregeln einer Herkunft vorstellen.
Wo darf der Wein produziert werden?
Welche Trauben dürfen verwendet werden?
Wie hoch dürfen die Erträge sein?
Welche Anforderungen muss der fertige Wein erfüllen?
Je nach Bezeichnung kommen weitere Vorgaben hinzu.
Wer diese Regeln erfüllt, darf den geschützten Namen verwenden.
Für Weinliebhaber muss man diese Dokumente natürlich nicht studieren.
Aber zu wissen, dass es sie gibt, hilft enorm beim Verständnis italienischer Weine.
🤔 Bedeutet eine höhere Klassifikation einen besseren Wein?
Jetzt kommen wir zur vielleicht wichtigsten Frage des ganzen Artikels.
Nein – zumindest nicht automatisch.
DOC, DOCG und IGT sind keine Weinbewertungen.
Sie sagen Ihnen nicht:
„Dieser Wein bekommt 95 Punkte.“
Sie sagen Ihnen vielmehr etwas über seine Herkunft und die Regeln, unter denen er erzeugt wurde.
Für uns gehören zu einem guten Wein noch viele andere Dinge:
die Qualität der Trauben, die Arbeit im Rebberg, der richtige Erntezeitpunkt, die Entscheidungen im Keller – und natürlich die persönliche Vorstellung des Winzers davon, wie sein Wein schmecken soll.
Und dann gibt es noch den wichtigsten Faktor überhaupt:
Ihren eigenen Geschmack.
🛒 Unser kleiner Etiketten-Check für den nächsten Weinkauf
Wenn Sie das nächste Mal eine italienische Weinflasche in der Hand halten, schauen Sie nicht nur auf DOC oder DOCG.
Schauen Sie etwas genauer hin:
1. Woher kommt der Wein?
Sardinien ist gross. Gallura, Sulcis oder Oristanese können ganz unterschiedliche Weingeschichten erzählen.
2. Welche Rebsorten stecken darin?
Cannonau, Bovale, Carignano oder Monica? Vermentino, Nuragus oder Vernaccia?
3. Wer hat den Wein gemacht?
Der Produzent und seine Philosophie sind mindestens so spannend wie die Abkürzung auf dem Etikett.
4. Wie wurde er ausgebaut?
Stahltank, Holzfass, lange Reifung – solche Entscheidungen beeinflussen den Charakter eines Weines erheblich.
5. Und schliesslich: Schmeckt er Ihnen?
Denn Wein soll trotz aller Regeln vor allem eines:
Freude machen.
🍷 Sardinien verstehen – Glas für Glas
DOC, DOCG und IGT wirken auf den ersten Blick kompliziert.
Eigentlich erzählen sie aber eine sehr schöne Geschichte.
Sie versuchen, Herkunft zu bewahren.
Sie verbinden einen Wein mit einer Landschaft, einer Tradition und bestimmten Regeln.
Wer das verstanden hat, schaut beim nächsten italienischen Wein vielleicht ein bisschen anders aufs Etikett.
Nicht mehr nur:
„Ist das ein DOCG?“
Sondern:
„Wo kommt dieser Wein her – und was möchte er mir über diesen Ort erzählen?“
Und genau dort wird Wein für uns besonders spannend.
Möchten Sie die Trauben hinter den Bezeichnungen kennenlernen?
In unserem grossen Rebsorten-Guide stellen wir Cannonau, Vermentino, Bovale, Carignano, Monica und weitere Rebsorten Sardiniens vor.